Daniela Noitz: Es muss reguliert werden | It has to be regulated (Text)

Es muss reguliert werden

„Herr Oberministerialrat haben nach mir gerufen?“, fragt ein kleiner, schmächtiger Herr beim Eintreten in das barock anmutende Arbeitszimmer des im Rang höherstehenden Beamten, untertänig.

„Ah der Herr Unterkommisär“, zeigt sich der mit Oberministerialrat betitelte Herr einen Hauch jovial gegenüber dem Rangniedrigeren, aber gerade solch einen feinen Hauch, dass es noch dem guten Ton entspricht, nachdem er ihn endlich erkannt hat, „Ich ließ tatsächlich nach Ihnen rufen, da mir schwerwiegende Vergehen zu Ohren kamen.“

„Aber doch nicht von meiner Seite?“, zeigt sich der Angesprochene bestürzt, bereit sofort sein Gewissen zu durchforsten und das kleinste Vergehen vor dem großen, imposanten Mann mit Schnauzbart auszubreiten.

„Doch nicht Sie. Wie kommen Sie denn auf sowas?“, erklärt der Oberministerialrat kopfschüttelnd, „Was könnten Sie auch schon anstellen? Sehen Sie sich doch an! Sie haben nicht die Möglichkeit zum kleinsten, unziemlichen Gedanken. Wirklich gut geraten, gut reguliert, muss ich schon sagen. Aber jetzt kommen Sie schon näher, setzen Sie sich da gegenüber und hören Sie mir zu.“ Eifrig folgt der Angesprochene dem Befehl seines Vorgesetzen, um im selben Moment, in dem er sich setzt, einen Block aus der Jacke zu zaubern. Einen Stift ebenfalls, bereit, jedes der nun folgenden Worte getreuest niederzuschreiben, um auch nichts zu vergessen.

„Packen Sie das weg, Mann, wir brauchen keine Aufzeichnungen. Sie müssen mir nur zuhören. Das was hier gesprochen wird, fällt unter die strengste Geheimhaltung. Ist das klar?“, meint der Vorgesetzte, woraufhin der Block und der Stift in der Tasche verschwinden. Das ist Antwort genug.

„Lassen Sie mich gleich in medias res gehen“, fährt der Oberministerialrat fort, „Was macht man mit einem Fluss, der über die Ufer tritt? Richtig, man reguliert ihn.“

„Reguliert ihn“, äfft der kleine, unscheinbare Mann nach.

„Natürlich, die Natur muss in ihre Schranken gewiesen werden, so schnell und unnachgiebig wie möglich. Wir können uns da keine Romantisierereien leisten, denn wo kämen wir da hin, wenn die Natur sich so mir nichts Dir nichts ausbreiten dürfte, wie sie wollte? Man reguliert. Denn sonst richtet der Fluss, unreguliert, ungeheuren Schaden an der Zivilisation an. Erinnern Sie sich an die letzten Überschwemmungen. Die Verwüstungen kosten Millionen. Millionen!“

„Millionen“, sagt der Untergebene nach.

„Richtig. Sie haben es verstanden“, zeigt sich der Vorgesetzte zufrieden, „Aber so hoch auch die Schäden sein mögen, die ein unregulierter Fluss anrichten kann, noch viel schlimmer sind die unregulierten Gedanken der Bürger.“

„Und Bürgerinnen“, ergänzt der kleine Mann, um sich sofort auf die Zunge zu beißen.

„Ja, die auch, meinetwegen“, zeigt sich der Mann mit Schnauzbart ein wenig genervt, „Wie auch immer, wir müssen die Gedanken regulieren. Wenn denen freier Lauf gelassen wird, dann wird unsere Zivilisation nicht nur unterspült, nein, dann wird das gesamte Gefüge auseinandergenommen und auf den Kopf gestellt. Subversive Elemente brechen sich Bahn. Anarchisten, Anarcho-Syndikalisten, Kommunisten, Freidenker, Libertäre und wie sie alle heißen mögen.“

„Subversive Elemente“, spricht der Zuhörende nach, um zu versichern, wiederum, dass er dem Redeschwall folgen kann.

„Und wie können wir die über die Ufer tretenden, unregulierten Gedanken unschädlich machen?“, fragt der Oberministerialrat, sich auf seinem Schreibtisch vorbeugend.

„Durch Kontrolle und Ablenkung?“, versucht sich der Angesprochene an einer zaghaften Antwort.

„Korrekt. Deshalb ist es unsere heiligste Pflicht, die Kinder in unseren Gewahrsam zu nehmen, sobald wir ihrer habhaft werden“, erklärt der höherrangige Beamte, „Wir nehmen ihnen die Lust am Denken, indem wir sie mit unnötigem Wissen vollstopfen, das keinen Sinn ergibt, sie im Wettkampf gegeneinander antreten lassen, das Solidarität und Zusammenhalt nicht einmal angedacht werden, sie mit Druck und Angst von der Neugierde und der Lebenslust heilen. Immer im Kampf um knappe Ressourcen, zeigen sie keine Ambition sich politisch zu betätigen und in den arbeitsfreien Stunden, die wir ihnen leider zugestehen müssen, füttern wir sie mit nichtssagendem Entertainment. Haben Sie mich verstanden?“

„Tun wir das nicht schon die ganze Zeit?“, wagt der Untergebene einen Einwand.

„Nicht genug, weit nicht genug“, erklärt der Oberministerialrat, „Wir müssen den Druck noch verstärken, die Möglichkeiten einengen, den Horizont verringern, wenn es sein muss durch noch mehr Angst.“

„Noch mehr Angst“, wiederholt der Angesprochene.

„Sehr gut, Sie haben verstanden. Sie können jetzt gehen, aber kein Wort zu irgendjemand, nur Soldaten der Regulierung sind gewünscht“, erklärt der Vorgesetzte, während sich der Untergebene mit einer kurzen Verbeugung verabschiedet und aus dem Büro eilt, begleitet von der Hoffnung, dass die Aufnahme gelungen ist, denn das würde die Genoss*innen sicher sehr interessieren. Schade nur, dass ihnen kaum jemand Glauben schenken wird.

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It has to be regulated

„Mister Senior Ministerial Council have called for me?“, sks a small, slender gentleman when entering the baroque-seeming study of the higher ranking official.
„Ah, the sub-commissioner,“ shows the gentleman entitled Senior Ministerial Council a touch jovially compared to the lower rank, but just such a subtle touch that it still corresponds to the good tone after he has finally recognized him, „I actually had you called because I heard serious crimes. „
„But not on my side?“, the addressee shows dismayed, ready to immediately search his conscience and spread the slightest offense in front of the tall, imposing man with a mustache.
„But not you. How do you come up with something like this?“, the Senior Ministerial Council explains, shaking his head, „What could you do? Have a look! You do not have the possibility of the smallest, least thought. Really well advised, well regulated, I have to say. But now you are getting closer, sit down opposite and listen to me.” The person addressed eagerly follows the command of his superior, just to take a block out of his jacket the moment he sits down. A pen, too, ready to write each of the following words faithfully so as not to forget anything.

„Put that away, man, we don’t need records. You just have to listen to me. What is spoken here falls under the strictest secrecy. Is that clear?”, says the manager, whereupon the pad and the pen disappear into the pocket. That is answer enough.
„Let me go straight to medias res,“ continues the Senior Ministerial Council, „What do you do with a river that overflows? Right, you regulate it.“
„Regulate it“, the small, inconspicuous man mimics.
“Of course, nature has to be put in its place, as quickly and relentlessly as possible. We cannot afford to be romanticized there, because where would we get if nature didn’t want to spread anything to you as it wanted? You regulate. Otherwise the river, unregulated, will cause enormous damage to civilization. Remember the recent floods. The devastation costs millions. Millions!“
„Millions,“ says the subordinate.
„Correct. You understood it,“ says the superior with satisfaction, „But however great the damage that an unregulated river can cause, the unregulated thoughts of the citizens are much worse. „
„And female citizens,“ added the little man, to bite his tongue immediately.
„Yes, that too, because of me,“ shows the man with a mustache a little annoyed, „Anyway, we have to regulate the thoughts. If they are given free rein, our civilization will not only be washed away, no, then the entire structure will be taken apart and turned upside down. Subversive elements are paving the way. Anarchists, anarcho-syndicalists, communists, free thinkers, libertarians and whatever they are called.“
“Subversive elements,” the listener adds, to reassure them that he can follow the rush of speech.
„And how can we make the unregulated thoughts that are overflowing harmless?“, asks the chief minister, leaning forward on his desk.
„By control and distraction?“, the person addressed tries on a timid answer.
„Correctly. That is why it is our most sacred duty to take the children into our custody as soon as we get hold of them,“ explains the senior official, „We take their pleasure in thinking by stuffing them with unnecessary knowledge that makes no sense, them compete against each other, that solidarity and cohesion are not even considered, that they heal with curiosity and lust for life with pressure and fear. Always in the fight for scarce resources, they show no ambition to engage in politics and in the non-working hours that we unfortunately have to allow them, we feed them with meaningless entertainment. Did you understand me?“
„Aren’t we doing this all the time?“, the subordinate dares to object.
„Not enough, far not enough,“ explains the Senior Ministerial Council, „We have to intensify the pressure, narrow the possibilities, narrow the horizon, if need be, through even more fear.“
„Even more fear,“ repeated the addressee.
„Very well, you understood. You can go now, but not a word to anyone, only soldiers of the regulation are desired,” explains the superior, while the subordinate bows farewell and hurries out of the office, accompanied by the hope that the admission was successful, because that would be of great interest to the comrades. It’s just a shame that hardly anyone will believe them.

Ein weiterer Text auf dem Blog:

Daniela Noitz: Vom Glück gibt es nichts zu berichten / There is nothing to report about happiness (Text)