Doris Marten: Pink Paintings

Stephan Trescher
Whole Lotta Rosa – Doris Martens Pink Paintings

Mit der Serie ihrer Pink Paintings hat Doris Marten einen einzigartigen Zyklus geschaffen. Auch innerhalb ihres eigenen Œuvres. Er ist nämlich ebenso zufallsgeneriert wie genau geplant, schon vor dem ersten Pinselstrich fertig konzipiert und zu Ende gedacht. Die Künstlerin verwendet eine kleine Auswahl an Mitteln und Materialien – oberflächlich betrachtet sind es zwei Farben, zwei Formate und ein festgelegtes strukturales Element – und stellt doch eine erstaunliche Vielfalt von kunsthistorischen und werkimmanenten Bezügen her. Wie das?

Die Serie besteht aus 20 Gemälden in den Formaten 200 x 150 cm bzw. 150 x 110 cm (und den entsprechenden Querformaten). Sie gliedert sich in vier Gruppen: Fünf Landschaftsbilder, zwei Figuren, sechs Gebäude und sieben reine Streifenbilder.

Zwar ist die motivische Einteilung unmittelbar einleuchtend, wenn man die Bilder betrachtet (mit Ausnahme vielleicht der Figuren, bei denen es schon genaueren Hinschauens bedarf), dennoch sind die Übergänge zwischen den einzelnen Unterkategorien fließend.

Betrachten wir daher also zunächst einmal die Gemeinsamkeiten, bevor wir uns in die feinen Unterschiede vertiefen.

Think Pink

Ganz klar: Die Pink Paintings sind zunächst und vor allem rosa. Genauer gesagt: rosa und schwarz. Das sind die eingangs erwähnten zwei Farben. Aber selbst einem flüchtigen Betrachter wird auffallen, dass das so einfach und reduziert nicht der Wahrheit entspricht, denn Rosa ist nicht gleich Rosa. Auch wenn man „Pink“ mit „Grellrosa“ übersetzt, hat man nichts gewonnen. Denn tatsächlich taucht in Martens Pink Paintings eine große Anzahl von Farbnuancen auf, die sich sämtlich im Spektrum einer Mischung aus Blau, Weiß und Rot bewegen. Es gibt alle Farben zwischen Burgunderrot, Veilchenblau, Schweinchenrosa, tiefem Purpur und augenreizendem Neonpink, in unterschiedlichen Hell- und Dunkelschattierungen. An manchen Stellen existieren auch reines Blau, Weiß oder Rot, die sich erst aus der Distanz im Auge des Betrachters zu einem rosarotvioletten Gesamteindruck zusammenschließen.

Aber auch Schwarz ist nicht gleich Schwarz. Es kann ein mattes, ein sattes, ein farbdurchwirktes sein. So wie in den Grau- und Dunkelzonen von Stripes No. 2, wo Weinrot und Nachtschwarz so ineinander diffundieren, daß das eine vom anderen kaum noch zu trennen ist. Und selbst diese Trennung ist manchmal eine bloß eingebildete: Nicht zuletzt entscheidet die unmittelbare farbliche Nachbarschaft darüber, wie wir den einzelnen Farbton wahrnehmen: Als beinahe noch blau oder fast schon schwarz, als davor oder dahinter, als Schattenzone oder Lichtstreifen.

PINK PAINTING (Landscape No 1), 2008, Öl auf Baumwolle, 150 x 200 cm

Polar Lights

Gerade die vielen dunklen Partien, der hohe Schwarzanteil in den Gemälden verstärkt einen Eindruck, der wohl der vorherrschendste der gesamten Serie ist: Die Pink Paintings strotzen nur so vor Licht. Sie strahlen, schimmern, blenden, glühen, glimmen, funkeln, manche blinken, einige scheinen förmlich zu explodieren.

Die größte Dynamik entwickeln dabei die Figures– und Building-Bilder. Dadurch, dass die farbigen Streifen stets ganz eindeutig eine Startseite haben, an der sie beginnen, und eine Zielseite, die sie anstreben, aber nie ganz erreichen, entstehen unterschiedlich stark ausgeprägte Bewegungsimpulse. So erinnern die Gemälde mal an einen leuchtenden Perlenvorhang (Building No. 4), mal an emporschießende Lichtgarben (Building No. 1) oder sanft herabschwebende Nordlichter (Figures No. 2).

Während die Dynamik der horizontal gelagerten Streifen in den Landscapes eher verhalten und ruhig wirkt, kommt sie in den Stripes gänzlich zur Ruhe. Die rosafarbenen Linien besitzen hier keine Richtung mehr, sie durchqueren (in den allermeisten Fällen) kontinuierlich und ohne Unterbrechung den Bildraum von oben nach unten – oder eben umgekehrt.

So dass sich bei den reinen Streifenbildern die Dynamik erstaunlicherweise in horizontaler Richtung einstellt, als ein Rhythmus unterschiedlicher Helligkeiten, der manchmal beinahe den optischen Eindruck eines Flimmerns oder Blinkens hervorruft.

PINK PAINTING (Building N0 4), 2007/14, Öl auf Baumwolle, 150 x 110 cm

Detail

Nur gestreift

Was wir bisher ausgeklammert haben, aber für die Pink Paintings genauso wesentlich ist wie ihre Lichthaltigkeit, ist das bildkonstituierende strukturale Element, sind die Streifen. In regelmäßigen Parallelen überzieht die Künstlerin die gesamte Leinwand (die in Wirklichkeit ein Baumwollgewebe ist, das weniger Oberflächenstruktur besitzt) mit Streifen. Bei den großen Formaten von 150 x 200 cm sind sie jeweils drei Millimeter breit, bei den kleinen proportional entsprechend dünner. Vor dem quergestellten Bild arbeitet sie sich so systematisch von oben nach unten. Das klingt nicht nur mühselig, das ist es auch. Aber eben auch notwendig für den besonderen Reiz, den die Pink Paintings haben. Denn selbst wenn man um den Entstehungsprozeß weiß, bleibt das Ergebnis in allererster Linie ein malerisches Ereignis, wirkt zwar strukturiert, aber nicht konstruiert, viel eher organisch. Das liegt an den weichen Übergängen von einer Linie zur nächsten, die Doris Marten durch das geschickte Vermalen der Parallelen erzielt, und an den nahtlosen farblichen Übergängen innerhalb eines Streifens oder deren Auslaufen ins Schwarz, das oft ein Versickern oder Wegdämmern scheint.

So dass im Endeffekt vor dem fertigen Gemälde nicht immer auszumachen ist, ob die streifige Struktur nun das Bild konstituiert oder sich nicht doch als dünner Schleier, wie ein gemalter Gazevorhang vor das eigentliche Motiv schiebt; eine schemenhafte Zwischenebene, die uns den Bildgegenstand im wahrsten Sinne des Wortes schleierhaft erscheinen läßt.

PINK PAINTING ( Figute No1), 2014, Öl auf Baumwolle, 150 x 110 cm

It‘s all in the mind

Eigentlich ziemlich erstaunlich ist die Tatsache, dass wir überhaupt von „Bildgegenstand“ sprechen, dass wir in den meisten Fällen auch ohne die Anregung durch die Werktitel unserem Drang, im Abstrakten, Vagen und Ungeformten Gegenständliches sehen zu wollen, so ungehemmt und so erfolgreich nachgeben können. (Die Stripes sind hiervon natürlich ausgenommen).

Bei einigen Buildings lassen sich leicht die Silhouetten gotischer Kathedralen vor gewittrig buntem oder polarlichtdurchwebtem Himmel assoziieren. In anderen Fällen ist es umgekehrt, die Streifen formieren sich zu strahlenden Gebäuden aus Licht vor schwarzem Horizont, manchmal eher in Formen phantastischer Architektur, manchmal gar nicht so weit entfernt von der Erscheinung einer erleuchteten Wolkenkratzerskyline bei Nacht.

Bei den Figures haben wir es da schon etwas schwerer und fast mit einer Form des Geistersehens zu tun, wenn sich Kopf und Körperumrisse nur schemenhaft von ihrer leuchtenden Aura abheben.

In den Landscapes dagegen drängen sich Begriffe wie „Höhenzug“, „Bucht“, „Strand“, „Horizont“, „See“, „Meer“ und, ja, sogar „Sonnenuntergang“ förmlich auf.

Wie erstaunlich das ist, beweist folgender Versuch: Stünden Sie jetzt vor den Originalen, müßten Sie sich ziemlich verrenken – hier, wo Sie leicht zu handhabende Reproduktionen vor Augen haben bzw. in Händen halten, können Sie das Experiment ohne Gefahr für Bandscheiben und Leben wagen: Drehen Sie einfach das Bild Building No.1 um 90° gegen den Uhrzeigersinn – und verblüfft werden Sie feststellen, dass das, was uns eben noch mit einiger Plausibilität an Architektonisches gemahnte, ganz und gar eindeutig an eine im Dämmerlicht liegende Landschaft am Wasser erinnert (noch dazu eine, die Landscape No. 1 sehr ähnlich ist) .

Darüber ließe sich von Leuten die, wie ich, keine Wahrnehmungspsychologen sind, trefflich spekulieren: wieso wir überhaupt solch konkrete Dinge in zufälligen Streifenmustern erkennen. Was macht den Wunsch zur Wirklichkeit? Und wie sehr sind wir dabei von anderen Bildmustern und deren Rezeption geprägt?

 

Pinsel gegen Pixel

Damit berühren wir den grenzgängerischen Aspekt der Pink Paintings, die nicht nur zwischen gegenständlichem Bild und freier Abstraktion schweben, sondern ebenso eine Mittlerrolle einnehmen zwischen maschinell erzeugtem und handwerklich präzise gemaltem Bild.

Was dem zeitgenössischen Betrachter nämlich ganz bestimmt als erstes einfällt, wenn er die Linien der horizontalen Pink Paintings betrachtet, ist ihre Ähnlichkeit mit den Zeilen eines Bildschirms. Das kommt nicht von ungefähr: Die Anregung zu dieser Bildserie bescherte Doris Marten nämlich in der Tat eine Fehlfunktion ihrer Digitalkamera, die eine zeitlang nur streifige Bilder in Magenta und Schwarz produzierte. Und zwar gänzlich unabhängig von dem, was vor der Linse zu sehen war, unabhängig auch von Lichtverhältnissen oder anderen photographisch sonst relevanten Bedingungen. Anstatt sie einfach zu löschen, entdeckte die Künstlerin das Potential, das in diesen Bildern steckte und erkor sie zu Vorlagen für ihre Gemälde.

Bei der Umsetzung läßt sie sich zwar genug malerische Freiheit, um mit Tonwerten und Helligkeiten zu experimentieren, auch mal ein Detail wegzulassen. Aber frei dazuerfunden wird nichts. So erklärt sich auch, dass die Serie mit der Reparatur der Kamera schon abgeschlossen war – bevor Marten überhaupt zu malen begonnen hatte. Aber auch gestalterische Entscheidungen werden von den Vorlagen diktiert, wie z.B. die Tatsache, dass die schwarzen Flächen wirkliche Leerstellen sind, denen die sonst so dominante Streifenstruktur gänzlich fehlt.

Aber der elektronische Störfall war letztlich doch nur die Initialzündung. Die Übertragung in malerische Feinarbeit verwandelt das pseudophotographische Bild dann doch in etwas ganz anderes, eben in Malerei und ein Kunstwerk sui generis. Verstärkt durch die Veränderung der Größenverhältnisse, die intendierte gegenständliche Umdeutung und das Denken und Arbeiten in Serien, das Doris Marten zu eigen ist. Denn nur so erhellen sich die Gemälde gegenseitig, kommentieren einander und machen die fließenden Übergänge zwischen Abstraktion und Konkretion überhaupt erst sinnlich nachvollziehbar.

PINK PAINTING (Stripes No3), 2014, Öl auf Baumwolle, 200 x 150 cm

Panorama

Man könnte es auch eine Gratwanderung zwischen diesen beiden Bereichen nennen (eigentlich eher eine über diesen begrifflichen Niederungen). Sie bringt uns an den Aussichtspunkt, von dem aus wir den Blick ein wenig schweifen lassen können auf das Werk der Malerin Marten einerseits und die Kunstgeschichte andererseits.

Die Serie der Pink Paintings ist, wie wir gesehen haben, eine Folge von Variationen, die ein Thema in beinahe musikalischer Manier durchspielen. Sie tut das erstaunlicherweise in Anlehnung an den klassischen Formenkanon, genauer: die malereigeschichtlichen Gattungen von Figurenbild, Landschaftsmalerei und ungegenständlicher Abstraktion. (Ein Stilleben fehlt leider. Aber das war in den verunglückten Kamerabildern einfach nicht zu finden).

Bei aller selbstauferlegten Regelhaftigkeit und Strenge, ergibt sich jedoch insgesamt eher der Eindruck eines lockeren, fast spielerischen Umgangs mit dem Material.

Doch Marten kann auch anders: In der Serie ihrer GRIDS beispielsweise werden rechtwinklige Gittermuster in sehr großer Zahl und mit oft nur minimalen Verschiebungen immer wieder gemalt, wobei die einzelnen kleinformatigen Bilder auch zur großen Gesamtform kombiniert werden können. Die Erkenntnis, dass auch hier, in diesen repetitiven Rasterbildern, die Systematik so streng nicht ist, wie sie auf den ersten Blick scheint, bedarf schon eingehender Betrachtung. Und tatsächlich kommt es der Künstlerin ja auch darauf an, das Verschiedene aus dem Ähnlichen zu gewinnen, das einmal gewählte formale Prinzip in letzter Konsequenz bis zum Ende durchzuspielen.

Das verschafft ihr die Freiheit, nach Fertigstellung einer Serie sich manchmal verblüffend anderen Bildformen zuzuwenden, gelegentlich sogar ins Lager einer figurativen, beinahe gestisch zu nennenden alla prima-Malerei zu wechseln oder doppelseitige Lack-auf-Plexiglasgemälde zu produzieren.

Immer bleibt Doris Marten dabei an der Malerei als einem Forschungsgegenstand interessiert. Sie bewegt sich in diesem Erfahrungs- und Spannungsfeld, um für sich zu ergründen, was mit Farbe und Pinsel noch erreicht werden kann.

Was auch bedeutet, dass sie sich nicht scheut, auf Bekanntes und von ihr Erprobtes wieder zurückzugreifen, wenn ihr ein neuer Seitenweg gangbar erscheint. Nicht als singulärer Nachklapp, sondern, wenn schon – denn schon, mit dem Beginn einer neuen Serie.

So existieren beispielsweise Vorläufer zu den Pink Paintings, die sogenannten Zwillingsbilder, die ebenfalls aus parallelen farbigen Streifen konstruiert sind. In diesem Falle frei erfundene Farbkombinationen, bei denen von der Künstlerin die Palette für zwei Bilder a priori festgelegt wird. Sie werden nacheinander gemalt und zwar so, dass die Künstlerin beim Malen des zweiten das erste nicht vor Augen hat (höchstens noch im Gedächtnis). So dass sich stets eng verwandte und doch ganz individuelle Bildpaare ergeben, welche die Künstlerin passenderweise stets in gleicher Höhe, aber über Eck gehängt präsentiert.

PINK PAINTING (Landscape No 3), 2010, Öl auf Baumwolle, 150 x 200 cm

Serienmaler

Es wird daran erkennbar, dass Serialität und Systematik zwar ganz wesentlich zu Martens Œuvre gehören, dass sie sich jedoch sonst keinerlei Beschränkungen auferlegt. Und anders als beispielsweise ein Alexeij Jawlensky das Gesetz der Serie nicht zur Obsession erhebt. Andererseits aber auch nicht jener manchmal etwas beliebigen Reihung von Farbvarianten huldigt, wie sie Andy Warhol in seiner Bildermanufaktur perfektionierte. Eher drängt sich der Vergleich auf mit den impressionistischen Wiederholungstaten eines Claude Monet, seinen Heuhaufen, Seerosen und Kathedralen.

Apropos Kathedralen: An diese lichtgeformten gotischen Architekturen erinnern einige der Building-Bilder; vielleicht sogar noch ein bißchen mehr an Monets verschiedene Houses of Parliament. Das ist schon schön. Noch schöner ist es, dass man in den Pink Paintings, bei manchen Stripes unschwer Anklänge an die „Zips“ eines Barnett Newman entdecken kann, oder aber, um ins zeitgenössische Umland zu schauen, an die abstrahierenden Streifenphotographien, die Michael Wesely mit seinen manipulierten Kameras erzeugt. Da Doris Marten aber bei allem was sie tut, vor allem Malerin ist und bleibt, ist es sicherlich kein Zufall, dass in anderen Exemplaren der Pink Paintings (am deutlichsten vielleicht bei Figure No. 1) sich die Strichbündel stellenweise so dicht zusammenschließen, dass sie wie ein breiter Pinselstrich erscheinen. Was wiederum an die riesenhafte Vergrößerung eines gestischen Pinselschwungs in einem der gerasterten Bilder Roy Lichtensteins erinnert – das Ad- absurdum-Führen eines subjektiv sich gebärdenden Pinselschwungs.

So viel aus bewußter Reflexion und handwerklicher Präzision destillierter Assoziationsreichtum ist eine Seltenheit in der Malerei des frühen 21. Jahrhunderts und ein außerordentliches Sehvergnügen.

Homepage der Künstlerin: http://www.dorismarten.com/

Beitragsbild: PINK PAINTING (Building No 5), 2014, Öl auf Baumwolle, 200 x 150cm

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