Ina Loitzl: IKARUS – BORDER – LESS

 

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et caelum certe patet |
…der himmlische Raum ist frei (Ovid, Metamorphoseon libri)

„Obwohl vor über 2000 Jahren verfasst, ist Ovids (Publius Ovidius Naso) Erzählung „Daedalus und Ikarus“ nicht nur von zeitloser Gültigkeit und wurde deshalb seit dem Mittelalter häufig rezipiert, sondern der Mythos birgt auch Metaphern, die in die Gegenwart und als Synonym für viele philosophische Assoziationen transferiert werden. Aber sicherlich nicht nur aufgrund des plakativen Sprichwortes „Hochmut kommt vor dem Fall“, dessen Ursprung sich aus dieser Metamorphose generierte. Vielmehr ist es ein zeitgenössisches Sinnbild, seine eigenen Grenzen zu erkennen, obwohl „der himmlische Raum frei ist“, um nicht gleich Ikarus mit seinen Flügeln ins Meer zu stürzen, da die Sonne das schützende Wachs seiner Federn schmelzen lies. Das Erkennen, wie hoch man selbst in die Lüfte aufsteigen darf und kann, um nicht in einer Katastrophe zu enden, ist der entscheidende Punkt.

Seit einigen Jahren thematisiert Ina Loitzl in unterschiedlichen Zugängen die Metapher des Ikarus. So erzählt sie in ihrer Cut-Out-Technik in einem Animationsfilm und Daumenkino die mythologische Episode, entwickelte ein Buch mit Originalarbeiten, greift für Siebdrucke die Bildnisse der Federn, des Meeres und Phrasen des Hexameters auf und schildert in Collagen den Moment des Schmelzen des Wachses und das weitere Schicksal des Ikarus. Ein großer, silberner Textilflügel, der von der Wand in den Raum reicht, verweist symbolhaft mit seiner kraftvollen Körperlichkeit auf die interpretative Zerstörung und das schmelzende Wachs, die die Ikarus-Erzählung in sich birgt. Wenn Ina Loitzl ihren fast erwachsenen Sohn mit Flügeln fotografisch inszeniert und betitelt „Ikarus before you fly“, ist es auch als visualisierter Prozess des Loslassens aus der elterlichen Obhut zu verstehen, da sie als seine Mutter ihn nun in den „himmlischen Raum“ frei fliegen lässt, damit er seine eigenen Entscheidungen treffen und Erfahrungen sammeln kann.

In ihrer Serie „Superman“ – die gemeinsam mit den Ikarus-Arbeiten präsentiert wird – konfrontiert Ina Loitzl den tragischen mit dem schillernden Helden. Im Gegensatz zu Ikarus überwindet Superman nicht nur alle Hindernisse, sondern schafft auch mühelos alle Probleme aus der Welt. Da die Künstlerin aber das Erscheinungsbild des Comics referiert und das Plakative aufgrund der halbkugelhaften, isolierenden Plastikelemente erhöht, wird die Gestalt des Supermans noch irrealer und zum Trugbild. Männer, die sich als Superhelden und unbesiegbar fühlen, erkennen oft nicht ihre Grenze und der Absturz folgt paradigmatisch irgendwann.

Die Künstlerin schafft damit einen Bogen zwischen der Moral dieser Metapher, dem amerikanischen Traum – wo alles möglich scheint – und auch der Kultur des Scheiterns. Die Überwindung der eigenen Grenzen bedeutet oft auch ein Erreichen anderer, höherer „Sphären“, auch wenn der anschließende „Absturz“ vorprogrammiert ist. Oft ist auch das Scheitern eine Chance, neue Stärken zu gewinnen. Daher lautet der Ausstellungstitel „Ikarus – border – less“ und kann als Aufforderung der Künstlerin verstanden werden, den Versuch die eigenen Grenzen zu überwinden auch zu wagen.“
(Text: Gabriele Baumgartner)