Katya Dimova: Das Herbarium – eine Passion zwischen Wissenschaft und Kunst

Die Pflanze, als organisches Objekt in ihrer Metamorphose. Eigenschaften, Heilkräfte und um sie rankende Geschichten, ist seit vier Jahre ein signifikanter Teil meiner künstlerischen Arbeit. Zum großen Teil entwickelte sich dieses Begehren durch die Arbeit mit dem Herbarium.

Die Transformation, die Veränderungen in der Pigmentation und der Kontrast von der vitalen Pflanze zum Objekt, dass am Ende dieses Prozesses steht, fasziniert mich in meiner Arbeit mit dem Herbarium immer wieder aufs Neue. Aus ihrem natürlichen Lebensraum genommen, ist es nicht egal ob ich sie zu einer Tinte verarbeite oder fürs Herbarium trockne, obwohl beides zu einer aktiven Veränderung führt.

 

Herbstzeitlose

 

Die Metamorphose der Pflanze vergleiche ich gern mit der Entwicklung des menschlichen Körpers. Die organische Materie sieht jedem Tag ein wenig anders aus, wie auch der menschliche Körper – er wächst, reift, altert und zuletzt stirbt er.

In unserer Gesellschaft ist das ein omnipräsentes Thema geworden. Viele Menschen in allen Altersgruppen, suchen Hilfe von außen oder leben unglücklich mit den natürlichen Veränderungen ihres Körpers. Die Erfahrungen und die Erlebnisse spiegeln sich doch darin, sollen sie nicht auf ein schönes Kapitel an Lebensgeschichten verweisen?

 

Misteln

 

Während meiner Ausbildung zur Kräuterpädagogin (2017-2018), setzte ich mich das erste Mal mit dem Thema Herbarium auseinander. Begonnen habe ich mit 40 Wildpflanzen. Jede Pflanze oder Pflanzenteile wurde auf ein DIN A3 Blatt Papier angebracht. Die fehlenden Teile der Pflanze zeichnete ich mit dem Bleistift dazu. Die entscheidenden Merkmale oder Unterschiede den Arten schriebe ich seitlich auf. Manchmal sind die Unterschiede minimal und mit bloßem Auge nicht leicht erkennbar. Oft ist es notwendig mit der Lupe oder gar Mikroskop zu arbeiten um die kleinsten Details wahrzunehmen.

Dabei lernte ich auch die Eigenschaften und Heilkräfte der Wildpflanzen kennen. Ich lernte sie einzusetzen und sie in mein Leben zu integrieren. Seit dem wuchs die Zahl an Wildpflanzen und ihre Anwendungsmöglichkeiten für mich enorm.
Manchen der Kräuter kannte ich schon vom Aussehen. Beim Wandern sind auch ganz neue und unbekannte Exponate dazu gekommen.  Solche, die ich zufällig getroffen, bestimmt und mitgenommen habe. Zufällige Begegnungen sind halt immer schön! Die Augen begannen plötzlich überall wo ich ging Wildpflanzen zu erkennen.

 

Schwarzer Holunder

Gepresst sind die Pflanzen zwischen große Bücher, die aneinander gestapelt waren – eine bekannte und bewährte Technik.
Bei manchen Arten kam es zu Schwierigkeiten. Viele zarte Pflanzen so wie das Schöllkraut (Chelidonium majusaa) verwelkt sobald sie keine Flüssigkeit mehr bekommen. Die Blüte wurde unterwegs verletzt oder es wird komplex sie schön auf zu legen. Gegebenenfalls besonders im Sommer trage ich ein großformatiges Buch im Rucksack mit, damit ich die Pflanzen direkt einlegen kann.

Zuhause angekommen lege ich sie noch einmal schön auf, ich kann sie aufrichten und an das Format anpassen. Ich lege die Pflanze zwischen Zeitungspapier, notiere das Datum, genauen Namen und ihren Fundort.

Alle zwei – drei Tage wechsele ich das Zeitungspapier bis sie ganz trocken ist.
Die meisten Pflanzen brauchen 3-4 Wochen zum Trocknen. Das ist von der Luftfeuchtigkeit im Raum abhängig aber auch wie viel Flüssigkeit die Pflanze enthält.

 

Tollkirsche


Der Bärlauch (Allium ursinum) im Herbarium ist kaum zu erkennen. Die Königskerze (Verbascum speciosum) hat auf dem Weg zur Zweidimensionalität einen Teil ihrer Pracht eingebüßt.
Dafür strahlt die Misteln (Viscum album), als wäre sie zwischen den Zeitungspapieren vergoldet worden. Von oben hängend, heilig, den Boden nicht berührend – wie in den Zeiten den Druiden.
Die duftenden Veilchen (Viola odorata) verblassten im Nu.

Die Pflanze mit über 500 Namen im Deutschsprachigen Raum – der Löwenzahn (Taraxacum officinale) –verwandelte sich über die Nacht in eine Pusteblume.

Das Herbarium hat den Anfang dieser aufregenden Reise durch die Welt der Wildpflanzen als auch eine feste Beziehung zur Natur für mich gesetzt. Mit den Jahren habe ich immer neue und spannende Eigenschaften und Geschichten entdeckt.
Heute gewinne ich aus Wildpflanzen Farbstoffe und stelle Pflanzentinten daraus her. Mehr über dieses Projekt erfährst Du unter: www.pflanzenfarben.online

 

Maiglöckchen

 

 

Die Homepage der Künstlerin: http://www.katyadimova.com/

 

Ein weiterer Beitrag auf unserem Blog über die Künstlerin:

Katya Dimova: 1000 Stoffmurmeln