Richard Bodyn: Wo Kunst ist, ist Leben. Das wundervollste Beispiel dafür ist der Baum, dem ich erst Leben geben darf, nachdem er sein erstes beendet hat.

Der deutsche Schriftsteller Christian Morgenstern (1871 – 1914) äußerte seine Liebe zum „Baum“ mit den Worten:  Nichts ist für mich mehr Abbild der Welt und des Lebens als der Baum. Vor ihm würde ich täglich nachdenken, vor ihm und über ihn. Wie sehr der Baum als Wunderwerk der Natur Dichter inspirierte, findet sich in unzähligen poetischen Versen, Aphorismen und Geschichten. So befestigte ein Unbekannter an einem Baum in Madrid ein Schild, wo er in lyrischen Worten genau die mannigfaltige Bedeutung beschreibt:

Ich bin die Wärme deines Herdes an kalten Winterabenden.
Ich bin der Schatten, der dich vor
der heißen Sommersonne beschirmt.
Meine Früchte und belebenden Getränke
stillen deinen Durst auf deiner Reise.
Ich bin der Balken, der dein Haus hält,
die Tür deiner Heimstatt,
das Bett, in dem du liegst und
das Spant, das dein Boot trägt.
Ich bin der Griff deiner Harke,
das Holz deiner Wiege und
die Hülle deines Sarges.

entnommen: www.aphorismen.de, 1. Oktober 2020

 

Nicht nur der „lebendige“ Baum hat Bedeutung, sondern auch wenn er als Werkstoff Holz in die Hände eines Bildhauers fällt und von der Natur so auch in den Innenraum transferiert wird, um dort nicht nur von seiner Schönheit und Haptik der Oberfläche, sondern auch die gewachsenen Jahresringe, die erkennbaren Vernarbungen und Verwundungen des Holzes erzählt. Wenn Richard Bodyn aus diesem rohen Material schließlich Portraits schneidet und formt, findet sich nicht alleine die Bedeutung des Werkstoffes, sondern auch die Dargestellten, in einer weiteren gedanklichen Ebene. Das Trägermaterial birgt bereits eine Geschichte in sich und wird durch ihr Antlitz und ihre Gestalt so scheinbar in eine Zeitschleife gesetzt.

 

Kara, Nussholz

Die Schicksalsgöttinen Walküren der nordischen Mythologie sind Geistwesen, die das Leben eines Menschen von der Geburt bis zum Tod lenken. Sie begleiten auch die gefallenen Kämpfer vom Schlachtfeld nach Walhalla. Eine dieser Walküren ist die Schwanenkönigin Kara, die, in ihrem Kleid aus Schwanenfedern, singend und somit ihre Feinde besiegend über ihre Köpfe hinwegflog.

 

Malka, 127 cm, aus: Pawlovnia (Blauglockenbaum)
(Beitragsbild: Detail der Skulptur Malka)

Die Skulptur „Malka“ referiert auf die in Ausschwitz ermordete Jüdin Malka Zimetbaum, die aufgrund ihrer helfenden Art im Lager sehr geschätzt wurde und eine wichtige Rolle im Lagerwiderstand spielte.

 

Hans und Sophie, aus: Nussholz

Diese beiden Portraits sind Denkmäler von Sophie und Hans Scholl, die mit ihrer Münchner Widerstandsgruppe „Die weiße Rose“ aktiv gegen den Nationalsozialismus und die Diktatur auftraten. Nach der Denunzierung bei der Gestapo wurden sie am 22. Februar 1943 zum Tode verurteilt und noch am selben Tag in München mit der Guillotine enthauptet.

 

Alberto, aus: Mandelholz
Gesamtansicht und Detail

Als eine Referenz und Ehrerbietung für den Schweizer Bildhauer Alberto Giacometti (1901 – 1986) ist diese aus Mandelholz gefertigte Skulptur. Richard Bodyn meint selbst, dass diese Skulptur nach 2 Stunden schweigender Betrachtung schließlich ihren Namen erhalten hat.

 

Die Homepage des Künstlers: http://www.bodyn.at/

(Text: Gabriele Baumgartner)